Interview mit Barbara Albert

CELLULOID/ Gunther Baumann


Eine junge Frau von heute erkundet die Nazi-Vergangenheit ihres Großvaters: Das ist ein ungewöhnlicher Plot für einen Spielfilm im Jahre 2012, also 67 Jahre nach dem Ende der Diktatur.

Barbara Albert: Ich habe mich mit diesem Thema, ausgelöst durch Geschehnisse in meiner Familie, seit Jahren beschäftigt. Ich finde aber auch, dass 2012 ein reichlich später Termin für so einen Film ist: Weil die Tätergeneration stirbt und weil es nur noch wenige gibt, die darüber authentisch sprechen können – vorausgesetzt, sie sind überhaupt bereit dazu. Es geht um Täterschaft, um Schuld und Verantwortung. Ich war aber häufig mit dem Einwand konfrontiert, so ein Thema wolle niemand mehr. Das sei schon oft genug durchgekaut worden.

Wie haben Sie auf diesen Einwand geantwortet?

Ich sagte, es gibt zwar viele historische Filme, die zeigen, dass die Täter böse und dass die Opfer gut waren, aber es gibt nicht so viele Filme, die sich auf die Grauzonen konzentrieren. Ich wollte einen Mann zeigen, der eigentlich ein lieber Opa ist – doch hinter seiner Fassade werden plötzlich tiefdunkle Flecken sichtbar. Sita, die 25-jährige Hauptfigur des Films, gerät dadurch in einen Gewissenskonflikt: Wie stehe ich jetzt zu dem Mann? Es wäre zu einfach, den Großvater, der einst KZ-Wachmann in Auschwitz war, als Monster zu stilisieren. Daraus lernen wir nichts, das hilft uns nicht. Denn wir ahnen selber, dass das Böse auch in uns schlummern könnte – dass wir selbst zu Tätern werden könnten.

Inwieweit ist der Großvater aus dem Film eine authentische Figur?

Mein Großvater stammte aus Siebenbürgen, wo viele junge Männer zur SS gingen: aus pragmatischen Gründen - weil sie mehr bezahlt bekamen als bei der rumänischen Armee - aber auch aus Überzeugung. Er war später selbst Wachmann der SS, sagte aber, dass er nie jemanden umgebracht habe. Ich habe mit meinem Großvater nie darüber gesprochen. Er starb 1999, während ich „Nordrand“ drehte, und ich habe das alles damals noch gar nicht gewusst. Ich recherchierte seine Geschichte erst nach seinem Tod. Ich hätte ihn sehr gern zu seiner Vergangenheit befragt. Vielleicht ist auch deshalb der Film entstanden.

Haben Sie Ihrem Großvater posthum verziehen?

Ich bin nicht in der Position, ihm zu verzeihen. Es wäre anmaßend. Da nähme ich mich zu wichtig in dieser Geschichte. Am Anfang, als ich erfuhr, was geschehen war, spürte ich viel Erschütterung und Scham. Schuldgefühle helfen aber nicht weiter. Ich habe diese Geschichte, psychologisch gesprochen, integriert. Ich verstehe, wo ich herkomme, und kann auf dieser Basis aktiv schauen, wo ich Verantwortung übernehmen und dazu beitragen kann, dass so etwas nicht mehr passiert.

Sie sind Mutter eines fünfjährigen Sohnes. Wie lässt sich das mit der aufreibenden Arbeit einer Filmregie verbinden?

Ich habe mit Titus Selge einen Mann, der auch Regisseur ist und der das alles kennt. Wir wechseln uns in der Kinderbetreuung ab. Die intensive Zeit beim Dreh von „Die Lebenden“ dauerte vier Monate. Das war heftig und für uns alle nicht einfach, da ich dauernd unterwegs war. Es gibt Regisseurinnen, die mit einem Baby zum Set kommen, aber das könnte ich nicht.. Denn bei einem Filmdreh und im Familienleben gibt es höchst unterschiedliche Energien. Das Filmemachen und die Familie sind sehr schwer zusammenzubringen.

Beim Festival Cannes gab es heuer die Klage, dass keine Filme von Regisseurinnen eingeladen wurden. Ist das Geschlecht wichtig beim Filmemachen oder ist das egal?

Wenn in Cannes kein Film einer Frau im Wettbewerb läuft, dann macht mich das richtig wütend. Ich finde es problematisch, wenn bei einem Festival, das das Welt-Filmschaffen repräsentiert, keine einzige Frau am Start ist. Vielleicht ist es ja so, dass Frauen Filme anders erzählen als Männer. Aber da möchte ich mich gar nicht weit vorwagen. Ich selbst möchte nicht in die Schublade Frauenfilm gelegt werden. Schließlich gibt es so viele unterschiedliche Arten Filme zu erzählen.

Warum gibt es so viel weniger Frauen als Männer im Regisseursberuf?

Es gibt gar nicht weniger. Sie kommen nur nicht so viel zum Arbeiten. Es scheint noch immer die seltsame Ansicht verbreitet zu sein, dass das Filmemachen für Frauen so eine Art Hobby ist und dass sie nicht ihre Familie damit ernähren müssen.

Sie sind, als Partnerin der Wiener Filmfirma Coop99, auch als Produzentin aktiv.

Das ist sehr wichtig. Die Coop99 ist für mich in einer Zeit, in der es immer schwieriger wird, Filme zu finanzieren, eine Art Insel, die es schafft, auf vielleicht unorthodoxe Weise gute Projekte zu stemmen. Auch „Die Lebenden“: Weil ich selbst produziert habe, konnte ich diesen Film machen. Es war aber sehr, sehr schwer, in Deutschland Produktionspartner zu finden, bis die Komplizen-Film einstieg. Die sind auch richtige Komplizen geworden…

Was sind denn die Unterschiede bei der Filmfinanzierung in Österreich und Deutschland?

Im Vergleich zu Deutschland geht es uns in Österreich sehr gut, weil wir eine Filmförderung haben, die sich als Kultur- und Kunstförderung versteht, und nicht nur als wirtschaftliche Institution. In Deutschland ist das schärfer und härter. Für das junge Arthaus-Kino ist es dort schwieriger, Budgets zu kriegen. Die deutsche Filmförderung ist viel kommerzieller ausgerichtet als die österreichische. Es hat sicher etwas mit unserem Förderungssystem zu tun, dass aus Österreich überproportional viele Filmkünstler von internationalem Ruf kommen. Das sind die Früchte jahrelanger Arbeit – und das muss man hegen und pflegen.