Regiestatement

Gesichter und Körper als Zentrum des Films, Gesichter und Körper, die sich immer mehr verlieren, irritiert sind, die ‚Welt nicht mehr verstehen’, aus dem Konzept gebracht sind und abstürzen, den Boden verlieren. Getriebene und vertriebene Menschen – und dann immer wieder dazwischen leuchtende Einzelfiguren, die etwas wollen, die leben, die Fragen stellen und pulsieren. Der Umgang mit dieser Energie war auch Zentrum meiner Regieüberlegungen. Der Anspannung, ausgedrückt durch die bewegte Kamera und die nahen Einstellungen auf Gesichter in der Stadt (Berlin und Wien) stehen die Weite des trüben Winterhimmels (in Warschau) und der siebenbürger Wiesen gegenüber. Neben diesen Landschaften wollte ich Gesichter und Körper zu eigenen Landschaften werden lassen.

"Die Lebenden" ist auch ein Film über das Bild.
Sita, die als Praktikantin im TV-Sender Bilder sammelt, Bilder, die später relativiert werden, und Bilder, die Sita im Zuge ihrer Recherche findet. Bilder von Vergangenem, Bilder, die immer nur einen Ausschnitt der Wahrheit zeigen.
In der Kameraarbeit haben wir versucht, Sitas Irritation über die Familienvergangenheit, aber auch über sich selbst, ihre eigenen Gefühle, auszudrücken. Neben ungewöhnlich nahen Einstellungen, die der Weite der Welt (=Landschaft und Stadt) gegenüber stehen, gibt es auch Einstellungen, in denen die Figuren am Rand stehen. Sie kippen aus dem Bild, aus der Welt. Der Energie des Films entspricht eine ‚pulsierende’, ‚atmende’ Kamera mehr, als eine ‚elegische’. Wir wollten versuchen, Bilder zu schaffen, die einen beinahe physisch berühren, die einem nahe gehen, ohne dass wir je absichtsvoll Grausamkeit und Leid zeigen.
Auch unterstützen für mich Nahaufnahmen den Versuch, verstehen zu wollen, genau hinsehen und untersuchen zu wollen, woher Gewalt, Verachtung und vielleicht auch der Verlust von Mitgefühl kommen.

Sita, die sich auf ihrer Vespa, mit der Bahn oder dem Flugzeug – oder auch einfach laufend – bewegt, repräsentiert den schnellen Pulsschlag des Heute, Michael Weiss und Gerhard Weiss in ihrer Umgebung, dem Stuttgarter Reihenhaus, dem Altersheim und Siebenbürgen, stehen für die Vergangenheit.
So ist "Die Lebenden" vielleicht auch als Roadmovie zu verstehen.
Im Kontrast dazu friert der Film dann aber in einem Moment fast ein. Wenn wir mit Sita im Stuttgarter Reihenhaus sind, entspricht der Rhythmus Sitas Einsamkeit – im Hintergrund der Albtraum, den Sitas Großvater in den Videoaufnahmen verkörpert.
Das Hin- und Wegschauen sollte hier als Thema mitschwingen. Der Blick auf den Täter und SS-Offizier Gerhard Weiss ist ein undeutlicher Blick, ein Blick auf ein Videobild in niedriger Auflösung – oder ein zensierter Blick: der Blick auf den Hausschuh, das Tischbein. Ich will mit dem verbotenen Blick spielen, will tabuisierte Blicke aufdecken, ohne ‚reißerisches’ Material zu verwenden.

Das Musikkonzept des Films beruht auf den zwei Polen, zwischen denen sich Sita bewegt. Auf der einen Seite ihr pulsierendes Leben als junge Frau in Berlin, auf der anderen Seite die alte Musik des Vaters, die die Welt verkörpert, aus der sie, geprägt von ihrer siebenbürgischen Herkunft, kommt. Am Ende des Films wird sich die alte Musik verwandelt haben. Das Henry Purcell Thema aus der Oper "King Arthur" hat der Filmkomponist Lorenz Dangel zu diesem Zweck ganz neu arrangiert (Gesang Monica Reyes).