Historische Hintergründe

Die Siebenbürger Sachsen

Die Siebenbürger Sachsen sind neben den Banater Schwaben, die großteils unter Maria Theresia im heutigen Rumänien angesiedelt wurden, die älteste deutschsprachige Minderheit in Rumänien. Bereits im 12. Jahrhundert siedelten sich die Siebenbürger in Rumänien an. Während 1930 etwa 300.000 Siebenbürger Sachsen in Siebenbürgen lebten, waren es im Jahr 2007 noch knapp 15.000. Die meisten Siebenbürger wanderten in den 70er und 80er-Jahren und in einem großen Schub ab 1990 nach Deutschland aus.
Da ich selbst siebenbürger und banater Verwandtschaft habe und ab 1981 mehrmals Siebenbürgen bereist habe (nicht zuletzt 1999 im Zuge der Dreharbeiten von "Nordrand"), ist mir das siebenbürger Gedanken- und Kulturgut – auch mit seiner heute angreifbaren nationalen Ideologie, vertraut.

95% der sächsischen Bevölkerung haben in den letzten Jahrzehnten das Land verlassen, der Rest ist überaltert (das Durchschnittsalter liegt mittlerweile bei ca. 60 Jahren). Obwohl die Auswanderung mittlerweile vollständig verebbt ist, sterben jedes Jahr sehr viel mehr Alte als Kinder geboren werden. Ob die Ausgewanderten zurückkehren werden, ist mehr als fraglich. Dennoch hat sich die Gemeinschaft vom Auswanderungsschock erholt und wieder an Bedeutung gewonnen (vielleicht auch durch den positiven und interessierten Blick auf Hermannstadt, Sibiu, durch seine Stellung als Kulturhauptstadt Europas 2007). Das gilt allerdings fast ausschließlich für die Stadtgemeinden, die teilweise sogar durch Geburten und Zuwanderungen wachsen. In den meisten Dörfern hingegen gibt es keine Sachsen unter 60 Jahren mehr und somit auch keine Aussicht auf Reaktivierung oder Neuschaffung von Strukturen.

Die siebenbürgische Mundart ist eine moselfränkische Reliktmundart, die eng mit dem in Luxemburg gesprochenen „Luxemburgisch“ und der Trierer Mundart verwandt ist. Sie war Teil eines Dialektes, der im Mittelalter in einem relativ großen Gebiet gesprochen, danach aber immer mehr überformt und verdrängt wurde. Siebenbürger Sächsisch und Luxemburgisch haben sich als letzte Artekfate dieses mittelalterlichen Dialektes erhalten. Die siebenbürgische Mundart ist allgemein sehr vokallastig und variiert zudem teilweise extrem stark. Nicht von Region zu Region, sondern sogar von Dorf zu Dorf. Dabei ist die Buntscheckigkeit der Vokalverwendung bemerkenswert. Von kleineren Missverständnissen abgesehen, ist die Verständigung der Siebenbürger Sachsen untereinander jedoch problemlos möglich.

Schrift- und Schulsprache war in Siebenbürgen nicht die Mundart, sondern das (Hoch-)Deutsche, wobei in den Schulen teilweise bis ins 19. Jhd. sächsisch gesprochen und deutsch geschrieben wurde. Die Mundart war vor allem auf die privaten Sprachdomänen und die Kommunikation auf der Straße beschränkt.

Das siebenbürgische Deutsch entspricht der deutschen Schriftsprache, wobei das Vokabular eher dem österreichischen Deutsch ähnelt. Die inzwischen in Deutschland lebenden Siebenbürger Sachsen, die in ihrer Kindheit und Jugend „sächsisch“ gesprochen haben und es in ihren Familien teilweise immer noch tun, sind auch nach langen Jahren meist leicht an ihrer Aussprache zu erkennen (bzw. erkennen sich untereinander). Typischerweise wird das R gerollt, und die Intonation unterscheidet sich von der sonst in Deutschland üblichen. Zudem werden einige Begriffe etwas anders verwendet (z. B. ein Schrank wird so wie in den meisten Teilen Österreichs als Kasten bezeichnet). Die Mundartnutzung geht jedoch stetig zurück, da in Deutschland oder Österreich geborene Kinder von Siebenbürger Sachsen die Mundart meist nicht mehr lernen, weil dem Hochdeutschen eine höhere Bedeutung und Reputation zugemessen wird. Der Gebrauch der Mundart nimmt stetig ab und es ist zu vermuten, dass es mittelfristig zu einem Sprachtod kommen wird.

Siebenbürger Sachsen in der SS

Laut Paul Milata ("Zwischen Hitler, Stalin und Antonescu", Dissertation, erschienen im Böhlau-Verlag 2007) war es bei den Rumäniendeutschen Ende der 30er- Jahre durch die nationalistische Politik Bukarests in der Zwischenkriegszeit zu einem gewissen Vertrauensverlust gegenüber ihrem Vaterland gekommen. Das hat dazu beigetragen, dass sie für die Erhaltung ihres Deutschtums Unterstützung in Deutschland gesucht haben. Dadurch hat die nationalsozialistische „Erneuerungsbewegung“ Auftrieb erhalten, die schließlich die politische Führung übernommen hat. 1938 erfolgte die nationalsozialistische Gleichschaltung aller politischen Organisationen der Rumäniendeutschen und 1940 die Unterstellung der Deutschen Volksgruppe gegenüber Berlin. Der von der Volksdeutschen Mittelstelle (Berlin) ernannte Volksgruppenführer Andreas Schmidt betrachtete das Auslandsdeutschtum als ein Teil des Deutschen Reiches. Diese Politik führte zu einer Abschwächung der Staatsloyalität der Banater Schwaben und der Siebenbürger Sachsen gegenüber Rumänien und zu einer verstärkten Bindung an das Dritte Reich.

Die ersten Einzeleintritte von Rumäniendeutschen in die Waffen-SS erfolgten 1937- 1939, am 1. Mai 1940 sollen es bereits insgesamt 110 Mann gewesen sein. Die "1000-Mann-Aktion" im Juni 1940 umfasste 1060 Jugendliche. Sie gilt als das "Bravourstück" von Andreas Schmidt und erwies sich – so Milata – als allgemeines Pilotprojekt für die spätere Rekrutierung von Volksdeutschen in die Waffen-SS, die von nun an in erhöhter Zahl einbezogen wurden. Gegen Ende des Krieges bestand die Waffen-SS zu 56 Prozent (510 000 von 910 000) aus fremden Staatsbürgern. Von September 1940 bis März 1943 erfolgte eine „diskrete“ und zugleich verbotene SS-Rekrutierung von etwa 6 000 Männern, die zu SS-Einheiten überliefen. Sie galten als Deserteure. Nach der Katastrophe von Stalingrad erfolgte die Fahnenflucht einiger Tausend versprengter Rumäniendeutschen (die Angaben schwanken von 5 000 bis 10 000) aus dem rumänischen Heer zur deutschen Armee.

Nach dem zwischen Rumänien und Deutschland am 12. Mai 1943 abgeschlossenen Waffen-SS-Abkommen war die Einreihung in die deutschen Armeeeinheiten freiwillig zu erfolgen. Die Volksgruppenführung gab in ihren Aufrufen die Rekrutierung jedoch nicht als eine freiwillige Meldung aus, sondern als eine allgemeine Aushebung der „wehrfähigen Männer der deutschen Volksgruppe“.

Über die "Eintrittsmotivation" schreibt Milata: „Der Eintritt in die SS lässt sich weder auf Zwang noch auf den ‚Ruf des Blutes‘ reduzieren, sondern war das Ergebnis multikausaler, individueller Abwägung für und wider die Waffen-SS.“ Vor die Alternative gestellt, in die wegen ihres schlechten Rufes bekannte rumänische „armată“ oder die besser ausgestattete deutsche Armee eingezogen zu werden, entschloss sich die Mehrheit der wehrfähigen Deutschen für Letztere, zumal man annahm, dass deren Todesrate an der Front geringer sei als bei den Rumänen. Als weitere „Argumente pro Waffen-SS“ zählt Paul Milata auf:

  • die von reichsdeutscher Seite in Aussicht gestellte Unterstützung der Familienangehörigen der Einberufenen, während beim rumänischen Militär bloß ein kleiner Sold gewährt wurde
  • den Deutschland-Mythos der Rumäniendeutschen und ihre kritiklose, verklärte Bewunderung Deutschlands sowie ihr Dank für den Schutz des Deutschtums durch das Mutterland
  • den Einfluss der nationalsozialistischen Propaganda vor allem unter den Jugendlichen und damit verbunden Abenteuerlust sowie die Verherrlichung der Waffen- SS als Elite-Truppe
  • die Rumänisierungspolitik Bukarests und die vielfache Benachteiligung der nationalen Minderheiten
  • das Einverständnis und kooperative Verhalten des rumänischen Staates zum Eintritt in die Waffen-SS und damit im Zusammenhang die Überlegung der in Frage kommenden wehrfähigen Männer, dass es angesichts des reichsdeutsch-rumänischen Waffenbündnisses kein staatsbürgerlicher Verstoß sei, in der befreundeten deutschen Armee gegen den gemeinsamen Feind zu kämpfen
  • den innergemeinschaftlichen Druck gegenüber Verweigerern, aus der Volksgruppe ausgeschlossen zu werden; der Druck ging zwar von der Volksgruppenführung aus, griff dann aber auf einen Großteil der Volksgruppe gegenüber „Drückebergern“ über

Angesichts dieser Umstände haben sich die meisten wehrfähigen Männer freiwillig gestellt, wodurch keinesfalls die Zwangslage, in der sie sich befanden, und der auf sie ausgeübte Druck übersehen werden sollten. Die Aushebungen ergaben etwa 50 000 Rekruten. Am Ende des Krieges dienten etwa 63 000 in der Waffen-SS und Wehrmacht. Dazu vermerkt Milata in der Zusammenfassung am Ende seines Buches: „Die Mehrheit der 63 000 rumäniendeutschen Waffen-SS-Männer meldete sich freiwillig zu den ‚Deutschen‘. Ihr Eintritt war aber weniger ein politisch-kulturell bedingter Rausch, sondern das Ergebnis einer nüchternen Berücksichtigung der möglichen und bekannten Alternativen im dreifachen Spannungsfeld zwischen Berlin, Moskau und Bukarest. Der rumäniendeutsche Eintritt in die Waffen-SS war nicht nur eine Geste der Unterstützung NS-Deutschlands – trotz oder wegen Hitler – sondern auch eine Reaktion auf das nationalistische System Rumäniens ab 1918 und ein deutliches Zeugnis gegen die Sowjetunion stalinistischer Prägung“.

Siebenbürger Sachsen als Wachmänner in Konzentrationslagern

Nach einer Nachmusterung in Wien und einer dreimonatigen Ausbildung erfolgte der Einsatz in praktisch allen SS-Einheiten – von den Felddivisionen, Konzentrationslagern und Verwaltungseinheiten bis hin zu Sicherheitsdienstgruppen und Sonderkommandos. Auf diese Zuteilungen hatten die Rekruten keinen Einfluss. So gelangten nachweislich 336 zu den KZ-Wachmannschaften, darunter einige auch im Rang von Unterführern und Führern. Ihre Zahl war aber viel größer. Aufgrund verschiedener Quellen rechnet Milata mit 2 000 KZ-Wachmännern. Entsprechend ihrem Rang in der SS-Hierarchie waren sie laut Darstellung des Verfassers in das Geschehen in den Konzentrationslagern impliziert. Einige wurden nach dem Krieg verurteilt, der Arzt Fritz Klein zum Tode und der Apotheker Victor Capesius zu neun Jahren Haft. Etwa 46 000 rumäniendeutsche Angehörige der Waffen-SS überlebten den Krieg, davon kehrten aber nur etwa 7 bis 33 Prozent in die Heimat zurück.

In Interviews mit Wachmännern der SS weisen diese immer wieder darauf hin, dass die „Volksdeutschen“ mehr als die anderen Deutschen für die „Drecksarbeit“ herangezogen wurden. Was mit „Drecksarbeit“ gemeint ist, kann man sich leider nur zu gut vorstellen.

Auschwitz I + II (Auschwitz-Birkenau)

In die Konzentrationslager Auschwitz wurden insgesamt mehr als 1,3 Millionen Menschen aus Europa deportiert. Davon wurden hier geschätzte 1,1 Millionen Menschen ermordet, eine Million davon Juden. Etwa 900.000 der Deportierten wurden direkt nach ihrer Ankunft in den Gaskammern ermordet oder erschossen. Weitere 200.000 Menschen wurden von der SS durch Krankheit, Unterernährung, Misshandlungen, medizinische Versuche oder die spätere Vergasung ermordet.
Heute sind von diesen Konzentrationslagern noch viele Teile erhalten bzw. originalgetreu ergänzt. Sie sind öffentlich zugänglicher Bestandteil des Staatlichen Museums Auschwitz-Birkenau, Gedenkstätte des Holocaust und jüdischer Friedhof auf dem Gelände der beiden ehemaligen Konzentrationslager I und II. Dieses Museum ist zugleich Gedenkstätte, internationales Begegnungs- und Holocaust-Forschungszentrum. Es wurde von der UNESCO unter dem Namen Auschwitz-Birkenau – deutsches nationalsozialistisches Konzentrations- und Vernichtungslager (1940–1945) zum Teil des Weltkulturerbes erklärt.