AutorInnennstatement

"Die Lebenden" ist ein Film über Schuld und Verantwortung. Nicht nur über die Schuld der Täter einst, sondern auch über Schuld und Verantwortung jeder einzelnen Person heute.

Im Mittelpunkt des Films steht eine Figur, SITA. Sie ist die zentrale Figur, um die alles kreist - und pulsierendes Herz des Films. Eine junge, energiegeladene Frau, die, ständig auf der Suche, dabei auf dem Grat des alten und neuen Europa wandelt.

Das Wegschauen des Vaters ist der konventionelle Umgang mit der Familienschuld, Sita stellt sich dagegen, will hinschauen – und kann nur dadurch verzeihen. Erst durch ihr Akzeptieren der Vergangenheit ihres Großvaters wird ein Verzeihen möglich, und erst durchs Verzeihen der Weg für einen Neuanfang geebnet.
Meine eigene Familie kommt väterlicherseits aus Siebenbürgen, Rumänien – und so bin ich mit den Themen Verlust der Heimat und Entwurzelung aufgewachsen (auf ganz andere Weise habe ich in meinen Filmen "Nordrand" und "Somewhere else" bereits das Thema behandelt). Die Siebenbürger Sachsen sind durch den Zweiten Weltkrieg gleichermaßen zu Tätern und Opfern geworden.
Meine Großtante wurde in russische Gefangenschaft verschleppt – andere Verwandte wurden aufgrund ihrer freiwilligen Meldung zur SS oft aufgrund von Kriegsverletzungen als Wachpersonal in Konzentrationslagern eingesetzt.

Dem Drehbuch liegen viele Reisen an die Orte, die auch Sita besucht, aber auch Recherchen im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands in Wien, im Jüdischen Museum in Warschau und in Archiven in Berlin, zugrunde.
Über meinen Großonkel und Schriftsteller Dieter Schlesak (zuletzt: „Capesius – der Auschwitzapotheker“) konnte ich viel handgeschriebenes Material und Aufzeichnungen von Interviews mit Auschwitz-Überlebenden sowie Tätern einsehen. Aber auch Texte von Daniel Jonah Goldhagen („Schlimmer als Krieg. Wie Völkermord entsteht und wie er zu verhindern ist“) haben mich beeindruckt.

In den letzten Jahren hat es einige AutorInnen und FilmemacherInnen gegeben, die mit der eigenen Familiengeschichte an die Öffentlichkeit gegangen sind (z.B. Marcus J. Carney in „The End of the Neubacher Project“, Malte Ludin in „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“, Claudia Brunner und Uwe von Seltmann in „Schweigen die Täter reden die Enkel“, Kathrin Himmler in „Die Brüder Himmler“).
Ich wollte über die eigene Familiengeschichte hinaus eine Allgemeingültigkeit und eine Verbindung zum Heute schaffen. Unter anderem aus diesem Grund sind die Figuren der politischen Aktivistin Silver und die Figur der Seda, eine Frau, die aus Tschetschenien geflohen ist, entstanden.

Ich wollte Zusammenhänge hinterfragen, nicht Buße für alte Schuld einfordern.
Nicht das Widerkauen der Schuld war mir ein Anliegen, nicht der Versuch, das Grauen 1:1 zu zeigen, sondern eine ganz neue Fragestellung hat mich beschäftigt: Wo liegt unsere Verantwortung heute? Wo beginnt Menschenverachtung? Wo führt sie hin? Wer sind die Täter, wer die Opfer heute?